INTERVIEW MIT ANNE FONTAINE

Regie und Drehbuch

Wie sind Sie auf die Graphic Novel von Posy Simmonds gestoßen?

Ich kannte „Immer Drama um Tamara“ und wusste daher, wer Posy Simmonds ist. Als ich den Titel „Gemma Bovery“ sah, war ich sofort Feuer und Flamme, denn ich fand das Wortspiel mit dem Namen einer der großen literarischen Frauenfiguren witzig und vielversprechend. Dann las ich den Roman und merkte, wie mich die Figuren faszinierten und bewegten. Ich erkannte ihr komisches Potenzial und ihre menschliche Komplexität, und der Ton, den die Autorin anschlägt – irgendwo zwischen beißender Komödie und erfrischender Ironie –, hat mich ebenfalls begeistert. Genau wie die unglaubliche Begegnung zwischen einem Bäcker und einer modernen jungen Engländerin, die das Leben des Helden auf den Kopf stellt, obwohl der überzeugt ist, dass er seine Libido unter Kontrolle hat und sich deshalb längst im sexuellen und emotionalen Vorruhestand befindet. Doch dann dreht er durch und beginnt, eine Romanfigur – Emma Bovary – mit der sehr reellen Gemma Bovery zu verwechseln. Dieser fetischistische Aspekt war es, der mir wie gemacht schien für ein potenzielles Drehbuch. Beim Schreiben habe ich mich bemüht, der Vorlage treu zu bleiben – und habe mir gleichzeitig einige Freiheiten erlaubt. Zum Beispiel greift Joubert, der Erzähler, bei Posy Simmonds eher indirekt in die Geschichte ein; in unserem Film haben wir seine Präsenz und seine Mobilität deutlich ausgeweitet.


Das Drehbuch haben Sie gemeinsam mit Pascal Bonitzer und Posy Simmonds geschrieben.

Um den Ton, den Posy Simmonds anschlägt, adäquat zu übertragen, musste das Komödiantische extrem pointiert ausfallen, denn der depressive Bäcker hat etwas von einem französischen Woody Allen – es sind seine Eigenarten und seine blühende Fantasie, die das Komische hervorbringen. Als ich Pascal kennenlernte, wurde mir klar, dass sein Sinn für Humor mit einer gewissen Verzweiflung getränkt ist, wenn er seine Figuren sprechen lässt. Für mich sind diese beiden Dinge untrennbar miteinander verbunden.

Joubert erlebt wie aus zweiter Hand die immer heftiger werdende Liebe zu einer wahnsinnig sinnlichen jungen Frau; die wiederum sieht in ihm aber keineswegs einen begehrenswerten Mann, sondern einfach nur einen Bäcker. Ich wusste, wie entscheidend Ton und Esprit sein würden, um das Komische an diesem Missverhältnis auszudrücken. Als wir mit dem Schreiben loslegten, entwickelten Pascal und ich schnell die gleiche Begeisterung für das Thema, und schließlich holten wir Posy für die englischen Dialoge mit ins Boot. Unsere Zusammenarbeit erwies sich als äußerst wertvoll, denn manchmal wurden wir ihrer Vorlage ja „untreu“, und wenn wir ihr das erläuterten, erwies sie sich als so flexibel, dass sie unsere Vorschläge meistens sehr wohlwollend aufnahm. Es war interessant zu sehen, wie sie Szenen beurteilte, die wir uns ausgedacht hatten, Szenen, die zwar von ihrerp Vorlage inspiriert waren, so aber nicht unbedingt im Comic vorkamen. Irgendwann wurde uns auch klar, dass wir im Vergleich zur Graphic Novel, die von Natur aus dichterischer sein kann, unmittelbarer und direkter erzählen mussten.